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Alkoholprävention auf Augenhöhe

PiA – Peers informieren über Alkohol – so heißt das neue Modellprojekt, das im Rahmen der Jugendkampagne „Alkohol? Kenn dein Limit.“ ins Leben gerufen wurde und durch die BZgA (Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung) mit Unterstützung der PKV (Verband der Privaten Krankenversicherung) gefördert wird. Es soll Kommunen unterstützen, Jugendliche mit Hilfe des Peer-Ansatzes auf riskanten Alkoholkonsum aufmerksam zu machen. Bamberg ist neben drei weiteren bayerischen Kommunen ein Standort, der das Vorhaben umsetzt. iSo ist seit diesem Sommer in Stadt und Landkreis unterwegs, spricht mit Jugendlichen und stößt oft auf offene Ohren.

„Irgendwie war der Sommer 2021 dann doch ein Feier-Sommer. Auch wenn sich das Wetter wechselhaft zeigte. Aber die Pandemie war ja eingedämmt. In den Monaten davor saßen wir nur noch drin – meistens vorm PC – und konnten uns nicht treffen. Aber jetzt!“, so Lucie, eine 18-Jährige Auszubildende. Was in solchen Momenten, wenn Jugendliche ihre Freiheit wiederfinden, oft passiert, kommt wie eine nicht zu stoppende Welle daher: Hinaus in Parks, auf Straßen und auf oder unter die Brücken. Sich mit Gleichaltrigen Treffen. Erzählen, Lachen und natürlich Feiern! „Hey Lucie, hast Du den Wodka gekauft? Wir sind doch erst 17 und dürfen nicht. Na ja, drei Flaschen brauchen wir schon!“ Und langsam trinken sich alle in einen Rausch.

PiA – das ‚etwas andere‘ Präventionsprojekt

Rauschtrinken kann zur Gefahr werden, insbesondere, wenn Jugendliche zu oft zur Flasche greifen. Abhängigkeit oder Schädigungen der Nervenzellen sind nur zwei von vielen Folgen, die gerade in jungen Jahren ein hohes Risiko mit sich bringen. Hinzu kommen ein hoher Lärmpegel, der das Umfeld stört, soziale Entgleisungen und vielleicht sogar Gewalt. Aber wie bringt man junge Menschen zur Vernunft, ohne ihnen den Spaß zu verderben? Wie können diese Jugendlichen überzeugt werden, weniger und kontrollierter zu trinken?

„Autorität auszuüben ist nicht der richtige Weg“, sagt Franz Bezold, Koordinator von PiA bei iSo. „Das wissen wir nur zu gut aus unseren anderen Projekten, wie zum Beispiel bei HaLT – Hart am Limit. Auch unsere Streetworker:innen, die oft in Bamberg unterwegs sind, wissen ein Lied davon zu singen, Jugendliche so anzusprechen, ohne dass diese gleich genervt reagieren. Das Konzept von PiA hat uns gefallen, denn es entspricht genau unserer iSo-Philosophie: Hilfe zur Selbsthilfe zu vermitteln und Jugendliche in Prozesse zu integrieren. Es ist eben das ‚etwas andere‘ Präventionsprojekt.“

Augenhöhe! Kein erhobener Zeigefinger

Nach gründlichen Vorbereitungen und nachdem geeignete Peers gefunden waren, ist PiA seit Juni 2021 in Bamberg in die Praxisphase getreten. Insgesamt sechs Peers – immer mindestens in Zweierteams – ziehen regelmäßig an geeigneten Tagen in den Abendstunden durch Bamberg und sprechen in Frage kommende Jugendgruppen an. Ihre Methode: ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Erzieher:innenrolle, dafür auf Augenhöhe und mit einem fundierten Peer to Peer-Gespräch im Gepäck. Die Unterhaltung muss natürlich, je nach Lage und Bedürfnis, erst einmal angekurbelt werden. Damit der Einstieg unkompliziert klappt, gibt es von den Peers und iSo eigens entwickelte Fragekarten. Nach manch zögerlichem Einstieg finden die Angesprochenen diese stylisch gestalteten Karten dann doch interessant und springen prompt darauf an. „Die Kärtchen sind unsere große Hilfe, um die Erstkontaktsituation gut zu meistern. Die Peers, in der Regel engagierte junge Azubis und Studierende aus Bamberg, kommen mit dieser Methode ungezwungen mit den Jugendlichen in Kontakt. Fördernd ist außerdem, dass die Peers eine ähnliche Altersstufe wie die Angesprochenen haben“, so Bezold. So ist Lotti (22 Jahre) beispielsweise Peer und macht gleichzeitig ein Praktikum bei JAM – JugendArbeitsModell (Jugendarbeit in den Landkreisgemeinden) und PiA. Eine gute Mischung.

„Mit wie vielen Kloschüsseln hast Du durch Alkohol schon gekuschelt?“ oder „Nach der Party – bringst Du Deine Freund:innen heim oder wirst Du heimgebracht?“ sind nur zwei von vielen Frage, auf die die Jugendlichen tatsächlich anspringen. „Darüber habe ich in dieser Art noch gar nicht nachgedacht“, sagt ein junger Mann, der sich erst abgewandt hatte, dann aber doch auf die ansprechenden Quiz-Karten schielt. „Klar haben mich meine Freund:innen, als ich nicht mehr gerade gehen konnte, schonmal heimgebracht.“ Er überlegt. „Das ist ja eigentlich ein bisschen peinlich.“ Der Angesprochene kommt ins Grübeln. Die Frage macht etwas mit ihm. Seine Kumpels daneben schauen erst ihn an, hernach etwas betreten auf ihre Füße. Dann entspinnt sich die Unterhaltung – mit gleichermaßen Ernst und Witz und einem guten Gespür seitens der Peers, die Dinge in eine Richtung zu lenken: Selbstreflexion.

Wohin geht PiA?

Durch das gemeinsame Betrachten der Karten, das Reden und Diskutieren fangen viele Jugendliche an, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen oder eigene Erlebnisse zu reflektieren. „Die Karten sind ein gutes Werkzeug, um mit den Jugendlichen in Kontakt zu treten und auf lockere und niedrigschwellige Weise über problematisches Trinkverhalten zu sprechen. Die Peers sind ein wichtiger Baustein dafür. Wir freuen uns sehr, dass wir so viele Multiplikator:innen für das Projekt mobilisieren konnten“, freut sich Matthias Gensner, Geschäftsführer von iSo.

Nach den ersten Einsätzen in den vergangenen Monaten folgen jetzt, im Herbst, weitere, dann auch in geschlossenen Räumen, wie an Mittelschulen oder in den Jugendzentren und -treffs in Stadt und Landkreis. Das Projekt wird fortlaufend evaluiert werden. Die Ergebnisse können Hinweise darauf geben, wie PiA fortgeführt werden kann. Zunächst geht PiA aber weiter – unter die Kettenbrücke, durch den Hain, in die Sandstraße, an den Skateplatz oder das Bushaus in der Gemeinde.